Grün wie Gras
Samtengang Trek – beste Reisezeit: Januar bis Mai (nach dem Punakha-Festival) oder Oktober bis Dezember.
Reiseplan:
1 Punakha Dzong – Camp in Limbukha
2 Limbukha – Camp im Samtengang-Tal
3 Wanderung zum Dorf Samtengang – mit dem Auto zum Kiychu Resort in Wangdi oder nach Trongsa
Trekking
Ich wache in einem blauen Zelt auf. Nicht auf einer Isomatte, sondern in einem richtigen Bett. Das Camp besteht aus vier Zelten: einem Küchenzelt für den Koch, dem Essenszelt, einem Schlafzelt für meinen bhutanischen Begleiter und General Manager unserer Agentur sowie dem Schlafzelt für meinen Reisegefährten und mich. Ich habe wunderbar geschlafen, umgeben von den Geräuschen der Felder und Wälder: Kuhglocken, dem Zwitschern Dutzender Vögel und dem Quaken der Frösche aus den Reisfeldern. Dazu kommen die kichernden Stimmen von Kindern. Ich strecke den Kopf aus dem Zelt und erschrecke beinahe. Der Ausblick von hier ist überwältigend schön. Ich blicke über kleine Reisfelder und Äcker mit anderen Nutzpflanzen. Die Farbschattierungen gehen allmählich und harmonisch ineinander über: von hellem Lindgrün zu dunkleren Tönen, von Mittelgrün zu zartem Gelb. Im Hintergrund stehen die wunderschönen bhutanischen Holzhäuser, zweistöckig und äußerst eindrucksvoll. Den Abschluss des Bildes bilden Berge, die wie eine Bühnenkulisse aufgereiht sind. Je weiter der Berg entfernt ist, desto undeutlicher werden seine Konturen. Weiße, lang gezogene Wolkenstreifen schmücken sie und hängen wie ein Heiligenschein ganz still um die flachen Berggipfel. Ich schaue und schweige. Heute wandere ich von Limbukha nach Samtengang.
Straßen
Bevor ich von der heutigen Wanderung erzähle, möchte ich erwähnen, dass diese Region erst vor nicht allzu langer Zeit erschlossen wurde. Bis vor zehn Jahren gab es in Bhutan nur wenige Straßen. Grob gesagt handelte es sich um die Straße, die Haa und Paro im Westen Bhutans mit Tashigang im Osten verbindet, sowie um die Straßen vom Grenzort Phuentsholing im Westen Bhutans nach Samdrup Jongkhar im Osten und nach Gelephu und Sarpang in Zentralbhutan. Dies waren die einzigen Straßen von größerer Bedeutung. Seit etwa fünf Jahren, insbesondere seit der Thronbesteigung des fünften Königs von Bhutan im Jahr 2006, wurde intensiv am Ausbau der Infrastruktur gearbeitet. Das Ziel ist, in kurzer Zeit die meisten Dörfer Bhutans durch den Bau von Straßen zu erschließen. So erhalten diese Dörfer Zugang zur Außenwelt und können sich weiterentwickeln. Im Vergleich zu den schmalen Fußwegen, auf denen die Menschen jahrhundertelang unterwegs waren, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, ist das ein enormer Fortschritt. Der Straßenbau macht stetige Fortschritte. Auch Samtengang ist ein Dorf, das seit zwei Jahren über eine unbefestigte Straße erreichbar ist. Der alte Fußweg ist jedoch weiterhin erhalten und wird noch immer genutzt. Ein Teil dieser Trekkingroute führt über diesen Fußweg.
Nass?
Es ist Juni, also Monsunzeit. Die Nachteile kenne ich, aber ich möchte hier auch die Vorteile hervorheben. Davon gibt es viele. Alles ist leuchtend grün! Überall duftet es wunderbar, die Gegend ist voller Blumen, und die vorüberziehenden Regenwolken bilden zusammen mit dem Himmel und der Berglandschaft eine wunderschöne Kulisse, an der ich mich nicht sattsehen kann. Die Wolken in der Regenzeit sind überwältigend schön. Natürlich verschwindet die Aussicht manchmal vollständig in einer erdrückenden Wolkenmasse, sodass man kaum die Hand vor Augen sieht. Sobald die Wolken jedoch aufziehen, wirkt der überraschende Ausblick umso eindrucksvoller. Und dann sind da noch die heimlichen Sonnenstrahlen, die einen Teil der Landschaft beleuchten, wie ein Scheinwerfer den Schauspieler auf der Bühne. Dann lässt sich ein Ausruf der Begeisterung kaum zurückhalten. Zumindest geht es mir so.
Christel van Bree 2011
Und los geht’s! Zu fünft. Drei Bhutaner, meine Reisegefährtin Jacomien, die ich seit zwanzig Jahren kenne und bei der ich mich notfalls problemlos ausheulen kann, und ich. Vier Welpen aus dem Dorf, in dessen Nähe wir campiert haben, trotten triumphierend mit uns. Sie rennen so schnell sie können und purzeln übereinander, wenn es den Hang hinaufgeht – mit ihren kleinen Pfoten schaffen sie das gerade noch. Wir lassen Limbukha hinter uns. Je höher wir steigen, desto dichter stehen die Bäume und Pflanzen zusammen. Überall Blätter in den schönsten Formen. Man stolpert geradezu über die Zimmerpflanzen aus unserem Wohnzimmer. Bäume mit parasitären Pflanzen, die sich um ihre moosbewachsenen Äste winden, wirken dadurch beinahe unheimlich. Als wäre ich in einem Film über Der Herr der Ringe gelandet.
Der Aufstieg ist ziemlich anspruchsvoll. Gefühlt gehe ich im Zickzack beinahe senkrecht nach oben. Der Weg, dem ich folge, besteht seit Jahrhunderten und führt einfach quer über einen Bergrücken. Von einem Bergpass keine Spur. Offenbar sind hier nur wenige Menschen unterwegs, denn der Pfad war regelmäßig schwer zu erkennen und von den schönsten Pflanzen, Bodendeckern und Blumen überwuchert. Der steile Aufstieg ist vor allem deshalb eine Herausforderung, weil es gerade geregnet hat und der Boden rutschig ist. Immer wieder rutsche ich aus und gleite ein Stück nach unten. Zum Glück gibt es um mich herum einen ganzen Dschungel aus Ästen, an denen ich mich festhalten kann, wenn es brenzlig wird – deshalb hört man von mir keinen Mucks. Ich schlittere einfach weiter. Dann sehe ich einen Stock liegen, der wie für mich gemacht scheint. Dieser mit weißgrünem Moos bewachsene Stock wird mein Freund. Er hilft mir auf den rutschigen Abschnitten und ist für die kurze Zeit, in der ich diesen steilen Hang bezwingen muss, buchstäblich meine Stütze und mein Halt. Ich liebe meinen Stock. Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen: In Momenten, in denen mir etwas zu viel wird, denke ich sofort an zu Hause. Ich sehe das grinsende Gesicht meines Sohnes und das strahlende Lachen meiner Tochter vor mir und höre die beruhigende Stimme meines Partners – und nichts wünsche ich mir sehnlicher, als nach Hause zu kommen. Worauf habe ich mich da eingelassen? Soll das etwa Spaß machen? Welcher Idiot rennt mitten in Bhutan einen senkrechten Hang hinauf? Ich fange mich wieder, als ich Jacomiens Stimme höre. „Huhu!“ schallt es durch die Wildnis. Wegen der dichten Vegetation kann ich sie nicht sehen, eigentlich sehe ich überhaupt niemanden. Aber ihre fröhliche Stimme weist mir die Richtung, und so kann ich weitergehen. Die Wehmut verschwindet endgültig. Mit bester Laune und entschlossenem Schritt steige ich weiter hinauf, im Vertrauen auf meinen Freund, den Stock.
Ich höre den Gesang eines fremden Vogels und ahme ihn nach. Ich singe gleich eine Terz tiefer dazu, in der Hoffnung, dass wir gemeinsam einen schönen Akkord zustande bringen, aber er lässt mich im Stich. Vielleicht ist er durcheinandergekommen. Dann höre ich in der Ferne Hundegebell. Ah, ein Hund! Wir nähern uns wieder bewohntem Gebiet. Aber Moment mal: Ich stehe hier an einem steilen, rutschenden Hang mitten im verdammten Nirgendwo, und die bewohnte Welt kommt auf mich zu? Hier stimmt etwas nicht. Der attraktive Begleiter, der neben mir in Turnschuhen ohne Socken den Hang hinaufstapft, murmelt irgendwo hinter mir: „It’s a barking deer.“ Was? Ein bellendes Reh? Wow! Ich bin hier tatsächlich mitten im verdammten Nirgendwo! Und keuche fröhlich weiter bergauf.
Dann höre ich wieder Jacomiens Stimme. „Ich bin da“, sagt sie. Wie bitte, sie ist da? Wo ist sie denn? Ich schaue nach oben und sehe zwischen den Bäumen eine weiße, freie Fläche auftauchen. Wo Raum ist, muss Luft sein – und das bedeutet, dass die Vegetation und damit auch der senkrechte Boden, auf dem ich stehe, bald ein Ende haben! Ich bin fast oben!
Oben angekommen stehen wir zwischen verblichenen und zerfetzten Gebetsfahnen, die von dünnen Nebelschwaden umhüllt sind. Wir stehen hier oben auf dem Berg, mitten in den Wolken! Und dann trinken wir Tee. Heißen Tee. Aus einer riesigen Thermoskanne, die einer unserer Begleiter den ganzen Weg von unten heraufgeschleppt hat. Ich hatte mich schon gewundert, warum der Mann für eine Tagestour wie diese einen so großen Rucksack trägt. Wir dürfen übrigens auf einem großen Baumstamm Platz nehmen, denn in dieser Umgebung soll es keine Blutegel geben. Ich habe Ihnen nämlich heimlich noch etwas verschwiegen, während ich bisher vor allem die Vorteile des Wanderns durch bhutanisches Dickicht in der Monsunzeit hervorgehoben habe.
Der Ehrlichkeit halber muss ich erwähnen, dass ich neben dem heldenhaften Aufstieg auch kurz schreien musste. Ich schrie auf, als ich sie zum ersten Mal an meinen Schuhen hochkriechen sah. Kleine und große Würmchen, die ihren Körper merkwürdig aufrichten wie ein Erdmännchen, sich dann tastend fortbewegen und prüfen, ob sie irgendwo ein Stück Haut zu fassen bekommen, in das sie genüsslich hineinbeißen können. Blutegel also. Und genau das tun sie: Sie saugen Blut. Hilfe! Ich habe meine Socken bereits über die Hosenbeine gezogen und meine Hose unten zugeschnürt. Aber all das hilft nicht wirklich. Sie kriechen hinein oder bohren sich einfach durch die Socken. Die gute Nachricht ist, dass sie sich lösen, sobald sie genug haben. Angenehm ist etwas anderes. Schmerzen verursachen sie allerdings nicht. Das einzige Problem besteht darin, dass sie ein blutverdünnendes Mittel in die Wunde spritzen, sodass das Blut auch nach dem Loslassen nicht schnell gerinnt. Man blutet also noch eine Weile weiter. Und das führt zu unschönen Blutflecken, wenn man es nicht bemerkt. Aber nun ja, diese blutbefleckten Socken sehen auch irgendwie abenteuerlich aus. Ich muss an eine Geschichte von Redmond O’Hanlon denken. Als ich sein Buch In the Heart of Borneo las, habe ich mich köstlich über die Geschichte amüsiert, wie er im Dschungel durch ein Teesieb urinierte, weil er Angst hatte, die Parasiten könnten über seinen Urinstrahl direkt in seinen Penis kriechen. Igitt!
Jacomien setzt noch eins drauf und erzählt, dass Zecken sich die wärmste Stelle suchen und deshalb durchaus auch im Genitalbereich zu finden sein können! Wer solche Geschichten also nicht verträgt, dem gebe ich einen Rat: Unternehmen Sie diese Trekkingtour nicht während der Monsunzeit. Frühling, Herbst und Winter? Überhaupt kein Problem. Der Nachteil ist dann allerdings, dass Sie bei einer Party leider nicht mit den oben beschriebenen heldenhaften Abenteuern aufwarten können – obwohl Sie damit garantiert im Mittelpunkt gestanden hätten. Also.
Der Abstieg geht rasend schnell! Das ist ein großes Vergnügen, umgeben von dem schönsten Grün und den fröhlichsten Blumen, die man sich nur vorstellen kann. Und dann ist der Wald plötzlich verschwunden. Ich stehe einem atemberaubenden Panorama gegenüber. Vor mir liegt das märchenhafteste Tal, das ich mir vorstellen kann: das Samtengang-Tal. Mission erfüllt!
Christel
Die Website von Dimsum Reisen verwendet Cookies. Diese Cookies unterscheiden wir in die Kategorien funktionale, analytische, Werbe- und Social-Media-Cookies.